500 Jahre Reformation

Reformationsgeschichte in Aarburg

Aarburg ist ein Musterbeispiel für eine «Täuferregion». Aarburg wurde durch seine Funktion (Landvogteisitz) und Lage für einige Zeit auch zum Ausgangspunkt für Täuferjagden in den umliegenden Ortschaften, vor allem den sogenannten «Waldgemeinden», Murgenthal, Balzenwil, Brittnau etc., in deren grossflächigen Waldgebieten Rückzugsorte verfolgter Täufer vermutet wurden.

Einleitende Bemerkungen

Dieser Kurztext legt vor allem zwei Gruppen von Informationen vor:
  • Quellen zur Geschichte der Aarburger (Landvogtei) Täufer
  • Informationen ĂĽber die ersten Prädikanten in Aarburg (Stadt)

Aarburg wird heute durch seine Grösse und die Siedlungsfläche als Stadt wahrgenommen und oft als «Kleinstadt» bezeichnet, obwohl auch heute die Einwohnerzahl mit 7'700 Personen noch nicht Stadtgrösse (10'000 Einwohner) erreicht hat.

«Stadt und Burg» sind ihre historischen Merkmale, die mit anderen Kleinstädten  (Aarau, Lenzburg, Zofingen, Bremgarten etc.) vergleichbar sind, obwohl Aarburg im Gegensatz zu anderen aargauischen Landstädtchen nie ein verbrieftes Stadtrecht erhalten hat.

Dennoch war Aarburg eine wichtige Position, zuerst im habsburg-österreichischen, ab 1415 im bernischen Machtbereich. Hier sass zur Reformationszeit der Landvogt des Oberamtes Aarburg auf der auch militärisch wichtigen Festung. Die Landvogtei war aber ein kleines Gebilde aus einigen «äusseren Gemeinden», dem Gericht Brittnau und der weitgehend eigenständigen Stadt Zofingen.

Kirchlich war Aarburg ebenso wie die meisten anderen Gemeinden der Landvogtei nach Zofingen kirchgenössig. Erst ein halbes Jahrhundert vor der Reformation wurde 1484 hier ein eigenes Kirchspiel begründet.

Die nachfolgenden Notizen beziehen sich nicht nur auf Aarburg selber, sondern durch dessen Funktion als Landvogteisitz oft auch auf das ganze Oberamt. Dies ist insofern wünschenswert, weil ein Grossteil der dortigen Gemeinden der Stadtgemeinde als «äussere Gemeinden» zugeordnet waren.

Täufer in Aarburg (Landvogtei)

Der nachfolgende Überblick mit Quellenbelegen aus den Täuferquellen (QTS III) zeigt die Entwicklung auf:

1523: 13. April — Der Berner Rat schreibt dem Landvogt in Aarburg: «…sich zuo erk-hunden, ob (d)er pur die Helgen verbrönt hab, und wo dem also ist, aldann inn in-zuolegen und uff Burgschaft usszuolassen und danathin mit Rat der Nachpuren ein steinin Cappell zü machen und den Puren heissen zuo bezalen.»

Hier ist nicht ganz klar, ob ein Mann namens «Pur» oder ein Bauer für den Frevel verantwortlich war.

1526: 4. Januar — Der Berner Rat schreibt an die Landvögte im Aargau u.a. dem Landvogt in Aarburg, «Wir werdennt Bericht, wie dann ettlich Vertribnen von Wall-dshuot sich by den unnsern by üch niderlassenn und ennthalltten. Darus unns aber nutzit Guottes erwachssenn möcht. Unnd bevälchen üch deshalb, wo einich allso komen wurdenn, die wellenntt hindan unnd widerumb hinder sich wysen, dann wir je dieselbigenn wäder in unnsern Lannden noch Gepiettenn geduldenn wellenn. Demnach wussent üch ze hallttenn. …»

1527: 26. September — Bericht über den Täuferlehrer Jakob Gross von Waldshut. Er hält sich kurzzeitig in Brittnau auf (vgl. KT 07).

1530: 19. Oktober — Der Berner Rat schreibt an Zofingen und Arburg: Von der Widertouffern wegen, Schaffner sy berichten, vencklich annehmen. Schur vor dem walt.

1531: 7. April — Der Berner Rat: Den Gefangnen von Aarburg haruf, Toufer. Zofingen 2 gefangen.

1531: 19. Oktober — Der Landvogt zu Aarburg an den Berner Rat: Er habe einen Gefangenen aus Oftringen, der sich geweigert habe, Kriegsdienst zu leisten (typisch für Täufer). Auch habe er ein Kind nicht taufen lassen. Der Text: Ich füg üwer wißheit zu verstan, wie daß ich ein gfangner [!] hab in der veste zu Arburg; der heisset Philip Däster, ist uß dem ampt Arburg von Offtringen. Der hat sich geußret, alß ein ampt mit irem fenlin von Arburg ußzogen, solt er by inen sin gsin, dan er ist in dem ußzug und der zal begriffenn. Demnach, wie er 1 tag oder 3 nit anheimsch gewesen, doch mithin kummen, hab ich lassen zu im griffen und in gefragt, worumb er üch, minen herren, nitt zuzüch, wie dann im potten sig; hatt er sich schlechtlich verantwortet. Unnder welcher frag, zun im gethan, bin ich warhaffting brichttet, daß er diewil binn thöüffern gsin sig in Solothurnpiet umb Froburg umhin, do si dan ir platz hand und versamlung. Ouch ist er zuvor widerspennig gsin under Centz Gati, dem alten vogt. Dan, wie im 1 mal ein kindlin worden, hat ers nit wöllen in siner kintheit thouffen lassen, sunder warten, biß eß zuo sinen tagen kämi, welcher han-del mit im under dem alten vogt gerechtfertiget ist. Dorumb, gnedigen min herren, so bericht ich jetz üwer wißheit umb die gägenwirtinge tatt, so unter mir verhandlet, daß er umb thein bott noch verbott gar nützit thutt und hiemitt eehr und eid übersächen. Dorumb beger ich von üwer wißheit bericht ze sin, wie ich mich mit im halten sölle, ob ich in üch söll uffhinn schicken, und waß ich doch mit dem wider-spännigen mönschen handlen sölle.

1532: 15. April — Der Landvogt zu Aarburg an den Berner Rat: Es gebe fahrende Handwerker in Mühlethal im Amt Aarburg.
Ich fueg üwren gnaden zuo verstan, wie sich etwas töufery erhept hat zu Mülethal im ampt Arburg gelegen, von frömden landsschweyfenden löffleren und sust vertrybnen handwerkslüten, die ir herberg und ufenthalt habint by den puren da- selbst und mit wyben und kinden da liggent.
Als si mir anzöugt sind, so hab ich ein teyl usgangen und dero einer fengklich ins schloss gefuert, der ist ein schnyder sins handwerks, nemmet sich Bartly Waldman, us Zürich piet erborn, und sig vormals us Lutzern piet vertryben, von wegen des gottes wort; hat ein ewyb und fier kleine kind, ist verwirt mit der töuferschen sect; ist min beger, von üwer wysheyt ze ergründen, wie ich mich mit ime und andren, so sy funden werden, halten sölle etc.
Denne der amptlüten halb, dero, so sy bhusent und bherbergent und mit der zit ouch möchtind von inen verfüert werden (als zu besorgen, daß villicht erschlichen minen amptlüten ire ewyber mit der zit entfuert werdint und sy lassen ire menner und kleini kind sitzen und der fulen secta nachstrichend). Dem und andren für ze kommen, beger ich deß von üwer wysheit ein gruntlichen bescheid, was ich mit den amptlüten und hindersässen hinfürt handlen sölle, daß sy des und andren yrsal abstandint und mussigent. Ich will ouch mit dem in gfenknus verharren, bis ich von üwren gnaden ein antwort empfach. … Heinrich Camberer, vogt zu Arburg.
   
Item, so hab ich doctor Bastian von Zofingen beschickt zu minem predicanten; die habent mit disem töufer bi der gfenknus gnugsam gret. In meynung, ine von disem yrtumb ze bringen. Uf lange red und widerred hat er sich nit wöllen lassen wysen, dan dass er uf disem sinem töuferschen fürnämen beharlich plipt und pliben wyl etc.

1532: 2. Mai — Der Berner Rat: Nachlässigkeit in Aarburg – Arburg soll der ordnung nachkomen der töufern halb.

1532: 19. August — Der Berner Rat: Arburg. Rudolff Dettwiller fürhallten, wie die töuffer in sinem nüwen hus geprediget, ob ers gewüst. Wo ers gewüst, in inleggen und m [ in] h [ erren] berichten. Buss von im zien.

1532: vor dem 22. Juli — In der Aarburger Amtsrechnung: 

  • Denne geben 2 pfund Andres Funken von einem brieff gan Bern ze tragen, von wägen der thöuffern, so ich in fenknus hatt.
  • Dem weybel Moritzen 3 pfund 10 schilling, von dem thöüffern Högerli gan Bern ze fĂĽren.
  • 26 mal habent die zwen thöüffer gessen und truncken: der Schnider und daĂź Högerlin.

1533: 16. Oktober — Der Berner Rat schreibt dem Landvogt in Aarburg:  Die töuffer enthalten, wye das mandat wyst; dem nachgange; wo kind vorhanden, die nit töufft, verschaffen noch doufft werdint.

1534: 8. August — Der Landvogt zu Aarburg an den Berner Rat: Högerli, ein Täufer, in Aarburg im Gefängnis wegen Doppelehe.
Ich tuon üweren gnaden hiemit zu wüssen, das ich abermals hie zu Arburg hab in der gefenknus das Högerly, den weber, welcher vor ouch zweymal hie von der teuferschen sect wägen ist gefangen gsin. Nun hat es sich zutragen, das er kurtzlich im ampt Arburg sich mit einer efrouwen versähen hat. Darneben ist mir anzeigt worden, das er noch ein efrouw haben sölle, us welcher ursach ich in beschickt an ein chorgricht zu Arburg und in daselbs gefragt, ob er nit noch ein efrouw habe. Hat er gesprochen, er hab keine, er hab wol ätwan eine gehan, diesig vor fünf jaren von im kommen, er wüsse nit, ob sy tod oder läbendig sige; und als ich in gefragt, ob er von derselben gescheyden syge, antwurt er: ja, got habe sy von im gescheyden. Also das yr wol mögend verston, das er sich nit nach üwer gnaden reformation hat lassen scheyden.
Witer, als ich in fragt, ob er ouch, wo es im nachgelassen würde, sin ee vor unser gmeind wölte bestätigen und bezügen. Antwurt er: Nein, gar nit; er sige es nit gesin-net. Darumb gnädigen min heren begäre ich dessenthalb üwers rats und bescheyds, wie ich mich witer gegen im halten sölle. …
   
Bald darauf wurde Högerli nach Bern überführt. Wenig später werden Högerlis Frau und deren Vater ebenfalls nach Bern vorgeladen.

1535: — In der bernischen Staatsrechnung ist ausgewiesen: Dem weibel von Arburg und sinem gesellen, hand ein toufer gebracht von vier tagen 6 pfund. Des gefangnen zerung 10 schilling 8 pfennig.

1536: vor dem 28. Juli — Täufer in der Vogtei Aarburg. Hinrichtung von Walch. In der Landvogteirechnung sind folgende Einträge zu finden:

  • Ingenommen 10 pfund von HanĂź Keyseren, das er sin kindt nitt wolt lassen thouffen.
  • Dänne gäben 2 pfund 15 schilling Andres Funken, alĂź er Ludin Walchen, den thöüffer, gan Bern furt und mit dem schwert gricht wardt.
  • Denne gäben 1 pfund, do man ze MĂĽlethal die töüffer jaget.
  • Denne gäben 2 pfund 1 5 schilling, alĂź man die 9 thöüffer fieng.
  • Denne handt die 9 töüffer verzert an pfennigen 2 pfund 13 schilling 4 pfennig, als man si gan Bern fĂĽrt.
  • Denne geben 18 pfund iren sechĂźsen, so die thöüffer gan Bernn fĂĽrtend.
  • FĂĽr Verpflegung wurde ausgegeben:
  • Item alle die thöüffer, so ich diĂź jar in gfenknuĂź han gehept und die minen herren zugschickt sampt denen, so si gefurt handt an malen (=Mahlzeiten) 22.

1538: Juni 12 — Der Rat in Bern: Dem töufer von Arburg ein brief an vogt (mitgegeben), dass er minen herren ghuldet und gschworen, der reformation nach z'gan und sich gehorsam z'machen.

1538: 27. September — Täufer in Aarburg. Der Rat an den Landvogt in Aarburg: Die töuffer all harschicken…

1550: 27. Januar — Täufer in Aarburg. Der Berner Rat an Schultheiss und Rat zu Zofingen: Den töuffer und töufferi versuchen, ob sy ghorsam wellen sin. Allsdann illennds ledig lassen. Wo nit, venncklich harschicken.   

1551: 22. Oktober — Täuferin in Aarburg. Der Rat an den Landvogt in Aarburg: Die töufferin [=Elsi Madlinger] harschicken.

1551: 30. November/1.Dezember — Im Turmbuch von Bern steht über die Bestrafung der Täufer:

  • Elsi Madlinger, Hentzi Madlingers, eine ärtzgrebers und kolers uĂź dem Fricktal wit-wen. Sy hab by 20 jaren daselbs mit im huĂźghan. Sy sye bĂĽrtig uĂź Willisouwer ampt und ir vatter im Dornachkrieg umbkhon.
  • Hans Fry zu Niderwyl im ampt Arburg sye ir dochterman, by dem sy nun 2 oder 3 jar gsin und nie zu predig gangen, weder gan Arburg noch Zoffingen.
  • Im Leimental [im] Baslerpiet sye sy zum töuffern z'leer gangen. Da sy ein lerer ghan, der sye abgscheiden, Hans Löffler oder Hans Schlyffer gnempt. Sy sye widertoufft, wĂĽsse nit, ob Fridli von Dägerfelden uĂź Badenpiet, so von der töuffery jetz abgstanden, oder ein andrer sy toufft, noch wo es bschechen. NĂĽt gmartert. Wil nit globen.
  • Min herren hand sy lassen uff Balstal zu uĂź irem land fĂĽren, mit tröuwen, so sy in ir gnaden land und piet ergriffen, werd man sy ertrencken.
  • ltem dem vogt zu Arburg gschriben, iren dochterman ze verbieten, das er sy nit mer by im enthalte, als lang sy unghorsam sin und die ordnung nit globen wil. Sunst werden min herren inn straffen.

1560: 5. Oktober — Täufer bei Arburg und Zofingen. Der Berner Rat:

  • Zoffingen. Alls min herren bericht, das ettlich thöuffer im ampt Arburg syend, die do unterstendind mit iren predigen ze disputieren. Mögind min herren nitt wĂĽssen, was sy redind oder disputierind. Sollen min herren deĂź berichten.
  • Arburg. Uff sin schryben der thöufferen halb. Das er die, so nitt z'prädig wänd, luth miner herren ordnungen straffend zum ersten, andern und 3. mal, jedesmal umb 10 pfund, und wann sy darĂĽber välen, allden die alhar vencklich schicken, die ander aber, so nitt z'prädig gand und sich mit andern uff die versammlungen verfĂĽgind und predigend, dieselben allen minen herrn venncklich zuschicken.

   
1560: 18. November — Täufer in Aarburg und Zofingen. Der Berner Rat: Zofingen, Arburg. Als mine herren bricht, das ettlich töuffer by inen syend, die ire sect und versammlung hand. Und wan si pättend, so pätten sy allein für die von Zoffingen und nitt für ire oberhern. Söllend sich deß erkhundigen und minen herren brichten.
   

Pfarrpersonen in Aarburg [«Stadt»]

Der letzte katholische Seelsorger in Aarburg war Heinrich Schlosser (Seratorius). Er unterschrieb anlässlich der Berner Disputation 1528 die zehn Schlussreden und konnte dadurch sein Pfarramt weiter ausüben.

1542 folgte ihm Bendicht Schürmeister nach, der zuvor in Steffisburg tätig war und wohl ab 1544 nach Zofingen wechselte. Prädikant Schürmeister war eine umstrittene Person. Er stellte sich noch im Januar 1548 in Zofingen gegen die 10 Schlussreden der Berner Disputation von 1528. Bereits zwei Monate später wurde er nach einem theologischen Streit mit dem Prädikanten von Aarburg endgültig durch den Berner Rat abgesetzt.

1544 war kurzzeitig ein Pfarrer im Amt dessen Name nicht ĂĽberliefert ist. Von ihm ist lediglich bekannt, dass er von Eriswil nach Aarburg gewechselt hatte.

1545 amtierte für 10 Jahre Peter Schnyder in Aarburg. Er trug den Bei- oder Übernamen «Fritz von Diessenhofen». Er war vorher in Zofingen tätig gewesen. 1555 wechselte er nach Brugg. Von Prädikant Schnyder sind bereits aus seiner Zofinger Zeit Auseinandersetzungen überliefert, so musste er 1543 wegen eines theologischen Gezänks vor dem Berner Rat erscheinen. 1545 wurde festgestellt, dass er weiterhin im gleichen Streit lebe und zudem zur lutherischen Lehre neigte und damit in seiner Pfarrei Ruhe und Frieden störte.

Diese wenigen Beispiele zeigen, dass die Prädikanten als Vertreter der neuen «Amtskirche» und Seelsorger in den ersten Jahrzehnten der Reformation einen problematischen Faktor für Bern darstellten. Sie waren mehrheitlich noch in katholischer Zeit als Priester ausgebildet und/oder waren während den 1520er-Jahren durch die Täufer oder konkurrierende protestantische Konfessionen (z.B. Lutheraner, Calvinisten) beeinflusst worden. Gerade der Vorwurf, ein Pfarrer neige zur lutherischen Lehre, ist nicht selten anzutreffen.